Das vegetative Nervensystem und die craniosacrale Therapie – Teil 2

Nervenzellkörpper

Nachdem ich im vorhergehenden Blog die Grundzüge des vegetativen Nervensystems dargestellt habe, möchte ich nun eine Theorie vorstellen, die diesen Teil des Nervensystems weiter differenziert. Es handelt sich um die von Stephen Porges entwickelte „Polyvagal-Therorie“. „Poly“ heißt „viel“ und „vagal“ bezieht sich auf den Nervus vagus, den Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems. In jahrelanger intensiver Forschung hat Stephen Porges das Modell Sympathikus – Parasympathikus erweitert und verändert.

Porges Theorie bezieht sich auf die Entdeckung, dass der Nervus vagus aus zwei Kerngebieten im Hirnstamm entspringt und dass diese beiden Nerventeile unterschiedliche Zielgebiete und Aufgaben haben. Der eine Teil des Vagusnervs, den Porges den „alten Vagus“ nennt, zieht vom Gehirn in den Bauchraum und ist zuständig für die Verdauung und für die Kommunikation zwischen Bauch und Gehirn. Der andere Teil, der von Porges so benannte „neue Vagus“ zieht vom Stammhirn in den Brustraum und verbindet den Herz- und Lungenbereich mit dem Gehirn. Er hat myelinisierte Nervenfasern, d.h. er hat eine Umhüllung, die ein Vielfaches an Leitungsgeschwindigkeit ermöglicht. Dieser „neue Vagus“ ist mit anderen Hirnnerven vernetzt, die der Kommunikation und dem sozialen Austausch dienen wie z.B. dem Nervus Facialis, der die Mimik steuert. Porges benennt dies als System sozialen Engagements. Es handelt sich dabei um ein Nervennetzwerk, das unsere Fähigkeiten zu sozialem Handeln, Lernen und Kommunikation repräsentiert, in Verbindung mit dem Herzbereich.

So ergibt sich eine neue Sichtweise gegenüber dem klassischen Modell. Es stehen sich nicht mehr die „Gegenspieler“ Sympathikus und Parasympathikus gegenüber, vielmehr gibt es 3 hierarchisch geordnete Stufen, den neuen Vagus, den Sympathikus und den alten Vagus. Fällt der neue Vagus aus, erfolgt die Umschaltung auf den Sympathikus. Unser vegetatives Nervensystem überprüft ständig, wie die Umwelt auf uns wirkt, dabei unterscheidet es zwischen: Sicher – gefährlich – lebensbedrohlich und entsprechend erfolgen die körperlichen Reaktionen.

Ist der neue Vagus dominant, wird die Umwelt als sicher erlebt. Wir ruhen in uns selbst, sind entspannt, bereit zu lernen und fähig zu sozial kompetenten Verhalten. Es ist ein optimaler Zustand von funktionierender Selbstregulation und Bindungsfähigkeit.
Bei Gefahr erfolgt die Umschaltung auf den Sympathikus. Dadurch wird in kürzester Zeit ein Maximum an Energie bereitgestellt. Wir sind im Streßzustand, im Kampf- oder Flucht-Modus. Die Umwelt wird gefährlich erlebt.
Erscheint die Situation ausweglos, wenn die Strategien des Sympathikus nicht mehr funktionieren, wird der alte Vagus aktiv. Er ist bei Reptilien zuständig für den Totstellreflex. Bei Säugetieren führt er zu Erstarrung, Ohnmacht und Schock. Der Stoffwechsel verlangsamt sich, die Schmerzschwelle steigt, d.h. Schmerzen werden kaum noch wahrgenommen und es entsteht häufig ein Trauma.

In meiner Arbeit hat dieses Modell vor allem in der Arbeit mit traumatisierten Patienten ganz praktische Auswirkungen. Ich arbeite mit der Vorstellung, dass in bei Entstehung eines Traumas eine Erstarrung stattgefunden hat. Und diese Erstarrung trägt der Betroffene mit sich herum, oft äußert sie sich als Abspaltung von den eigenen Emotionen. Es geht nun darum, dass in diese innere Erstarrung wieder Bewegung kommt und Bewegung äußert sich bei Traumapatienten in der Regel als Zittern. Taucht dieses Zittern auf, dann ist die Aufgabe des Behandlers es zu begleiten mit der Idee, dass sich die Erstarrung dadurch zu lösen beginnt. Und zur Stärkung der nervlichen Ressourcen ist es bei allen Patienten eine wirkungsvolle Maßnahme Kontakt aufzunehmen mit dem Verlauf des neuen Vagus vom Hirnstamm über den seitlichen Hals bis zu den Verzweigungen im Brustraum.

Wer tiefer in diese Materie einsteigen möchte, dem empfehle ich die Lektüre dieses Artikels: https://www.polarity.ch/somatic-experiencing-dokumente/Polyvagal-Theorie.H.Frick.21.2.12.pdf.

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